Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) ist eine Kennzahl zur Aktienbewertung, die den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie setzt und zeigt, wie viele Jahre es dauern würde, bis der Gewinn den Kaufpreis rechtfertigt.
Was ist das KGV?
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (englisch: Price-Earnings-Ratio, P/E Ratio) gehört zu den meistverwendeten Bewertungskennzahlen an der Börse. Es gibt an, mit dem Wievielfachen des Jahresgewinns eine Aktie aktuell bewertet wird. Anders ausgedrückt: Das KGV zeigt dir, wie viele Jahre das Unternehmen bei konstantem Gewinn brauchen würde, um seinen aktuellen Börsenwert zu verdienen.
Beispiel: Eine Aktie kostet 100 Euro und das Unternehmen erwirtschaftet einen Gewinn von 5 Euro je Aktie. Das KGV beträgt 20 (100 ÷ 5 = 20). Die Aktie wird also mit dem 20-fachen Jahresgewinn gehandelt.

KGV-Formel: So wird es berechnet
Die Berechnung des KGV ist simpel:
KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie
Oder alternativ auf Unternehmensebene:
KGV = Marktkapitalisierung ÷ Jahresüberschuss
Der Gewinn je Aktie (englisch: Earnings per Share, EPS) wird ermittelt, indem der Jahresüberschuss durch die Anzahl der ausgegebenen Aktien geteilt wird.
Rechenbeispiel
Die Beispiel AG hat 10 Millionen Aktien im Umlauf. Der Jahresüberschuss beträgt 50 Millionen Euro, die Aktie notiert bei 150 Euro.
- Gewinn je Aktie: 50 Mio. € ÷ 10 Mio. Aktien = 5 Euro
- KGV: 150 Euro ÷ 5 Euro = 30
Das Unternehmen wird mit dem 30-fachen seines Jahresgewinns bewertet.
Arten des KGV: Historisch, aktuell, geschätzt
1. Historisches KGV (Trailing P/E)
Basiert auf dem tatsächlich erzielten Gewinn der letzten 12 Monate oder des letzten Geschäftsjahres. Vorteil: Faktenbasiert, keine Prognosen nötig. Nachteil: Vergangenheitsbezogen, berücksichtigt keine zukünftige Entwicklung.
2. Forward KGV (Forward P/E)
Nutzt den erwarteten Gewinn für das laufende oder kommende Geschäftsjahr. Vorteil: Zukunftsorientiert, spiegelt Wachstumserwartungen wider. Nachteil: Basiert auf Analystenschätzungen, die sich als falsch erweisen können.
3. Shiller-KGV (CAPE Ratio)
Berechnet den Durchschnitt der inflationsbereinigten Gewinne der letzten 10 Jahre. Wird vor allem zur Bewertung von Gesamtmärkten (z. B. S&P 500) verwendet und glättet konjunkturelle Schwankungen.
KGV-Interpretation: Was ist ein gutes KGV?
Die Frage „Ist ein KGV von X gut oder schlecht?“ lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Bewertung hängt von mehreren Faktoren ab:
Faustregeln zur Einordnung
- KGV unter 10: Möglicherweise unterbewertet – oder das Unternehmen steckt in Schwierigkeiten
- KGV 10-15: Faire Bewertung bei moderatem Wachstum (typisch für etablierte Blue Chips)
- KGV 15-25: Durchschnitt für solide Qualitätsunternehmen mit Wachstumsperspektiven
- KGV 25-40: Wachstumsaktien mit hohen Zukunftserwartungen (Tech, Innovation)
- KGV über 40: Sehr hohe Bewertung – rechtfertigt sich nur bei starkem Wachstum oder in Hype-Phasen
Wichtig: Ein niedriges KGV ist nicht automatisch günstig, ein hohes nicht automatisch teuer!
Branchenvergleich ist entscheidend
Technologieunternehmen werden traditionell mit höheren KGVs gehandelt als etwa Versorger oder Banken. Tesla kann ein KGV von 50 haben und gilt als fair bewertet, während eine Versicherung mit KGV 15 teuer sein kann.
Vergleiche das KGV immer mit:
- Direkten Wettbewerbern in derselben Branche
- Dem historischen Durchschnitts-KGV des Unternehmens
- Dem Branchen-KGV
- Dem Gesamt-KGV des Marktes (z. B. DAX-KGV)
KGV und Wachstum: Das PEG-Ratio
Um Wachstumsunternehmen fairer zu bewerten, wird das KGV oft mit der erwarteten Gewinnwachstumsrate kombiniert:
PEG-Ratio = KGV ÷ Gewinnwachstumsrate (in %)
Beispiel: Ein Unternehmen hat ein KGV von 30 und ein erwartetes Gewinnwachstum von 20 % pro Jahr. PEG = 30 ÷ 20 = 1,5.
Faustregeln:
- PEG unter 1: Möglicherweise unterbewertet
- PEG um 1: Fair bewertet
- PEG über 2: Tendenziell teuer
Vorteile des KGV
- Einfach zu berechnen und zu verstehen
- Schneller Vergleich zwischen Unternehmen und Branchen möglich
- Weit verbreitet – Standardkennzahl für Investoren und Analysten
- Zeigt auf einen Blick, ob eine Aktie relativ günstig oder teuer ist
- Gut für den Screening von Aktien geeignet
Nachteile und Grenzen des KGV
- Keine Aussage über Qualität: Ein niedriges KGV kann auf Probleme hindeuten, kein Schnäppchen sein
- Gewinnmanipulation: Bilanzierungsregeln und einmalige Effekte verzerren den Gewinn
- Keine Verschuldung berücksichtigt: Zwei Unternehmen mit gleichem KGV können völlig unterschiedliche Risikoprofile haben
- Bei Verlusten nicht anwendbar: Negatives KGV ist bedeutungslos
- Ignoriert Cashflow: Gewinn ≠ verfügbares Geld (besonders bei wachstumsstarken Unternehmen relevant)
- Branchenabhängig: Ein KGV von 15 kann in einer Branche günstig, in einer anderen teuer sein
KGV in der Praxis: Beispiele aus dem DAX
Stand November 2024 (beispielhafte Werte):
- SAP: KGV 35 – hohes KGV für Wachstums- und Technologiewert mit starker Cloud-Transformation
- Allianz: KGV 12 – typisches KGV für Versicherungsbranche, moderat und stabil
- Volkswagen: KGV 4 – sehr niedriges KGV, reflektiert Branchenkrise und Transformationsrisiken
- Siemens Energy: KGV 80+ oder negativ – schwankend wegen Restrukturierung und Verlusten
Das zeigt: Das KGV allein sagt nichts aus – der Kontext ist entscheidend.
Häufige Fehler bei der Nutzung des KGV
- KGV isoliert betrachten: Nie nur auf eine Kennzahl verlassen – kombiniere KGV mit KBV, KUV, Eigenkapitalrendite, Verschuldung
- Einmalige Gewinne ignorieren: Verkauf von Unternehmensteilen oder Steuereffekte verzerren das KGV
- Zyklische Unternehmen falsch bewerten: Auf dem Höhepunkt eines Zyklus ist das KGV niedrig (hoher Gewinn), kurz vor der Trendwende oft hoch (niedriger Gewinn)
- Wachstum ignorieren: Ein KGV von 40 bei 50 % Gewinnwachstum kann günstiger sein als ein KGV von 10 bei schrumpfenden Gewinnen
- Verschiedene Rechnungslegungsstandards vermischen: US GAAP vs. IFRS können zu unterschiedlichen Gewinnen führen
KGV-Fallen: Wann das KGV irreführend ist
1. Verlustunternehmen und Start-ups
Viele wachstumsstarke Unternehmen (z. B. Tesla in den Anfangsjahren, viele Biotech-Firmen) schreiben jahrelang Verluste. Hier ist das KGV nicht anwendbar – alternative Kennzahlen wie KUV (Kurs-Umsatz-Verhältnis) sind sinnvoller.
2. Zyklische Branchen
Bei Rohstoff-, Auto- oder Bauunternehmen schwanken die Gewinne stark mit dem Konjunkturzyklus. Ein niedriges KGV am Konjunkturhoch kann eine Falle sein – der Gewinn bricht danach ein. Ein hohes KGV in der Krise kann dagegen ein Kaufsignal sein.
3. Sondereffekte im Gewinn
Verkauf von Immobilien, Abschreibungen, Restrukturierungskosten oder Steuernachzahlungen verzerren den Gewinn. Analysiere immer den bereinigten Gewinn (Adjusted EPS).
Alternative Bewertungskennzahlen zum KGV
Das KGV sollte nie allein stehen. Ergänze deine Analyse mit:
- KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis): Vergleicht Aktienkurs mit Eigenkapital – gut für Banken, Immobilienwerte
- KUV (Kurs-Umsatz-Verhältnis): Nützlich bei Verlustunternehmen oder umsatzstarken Growth-Werten
- KCV (Kurs-Cashflow-Verhältnis): Aussagekräftiger als KGV, da Cashflow schwerer zu manipulieren ist
- EV/EBITDA: Berücksichtigt Verschuldung, gut für Unternehmensvergleiche
- Dividendenrendite: Ergänzung für einkommensorientierte Investoren
KGV und Marktstimmung
Das durchschnittliche KGV von Indizes wie DAX oder S&P 500 gilt als Stimmungsindikator:
- Niedriges Markt-KGV (unter 15): Pessimismus, möglicherweise gute Kaufgelegenheit
- Hohes Markt-KGV (über 25): Euphorie, Vorsicht vor Überbewertung
- Historischer Durchschnitt: S&P 500 lag langfristig bei KGV 15-17
In Niedrigzinsphasen rechtfertigen niedrige Alternativrenditen oft höhere KGVs.
KGV-Strategien für Investoren
Value-Investing
Suche nach Aktien mit niedrigem KGV im Branchenvergleich – potenziell unterbewertete Qualitätsunternehmen (Warren Buffett-Ansatz). Kombiniere mit fundamentaler Analyse.
Growth-Investing
Akzeptiere höhere KGVs bei starkem Gewinnwachstum. Nutze PEG-Ratio zur Plausibilitätsprüfung.
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Fazit: Das KGV als Kompass, nicht als Wahrheit
Das KGV ist ein nützlicher, schneller Bewertungsindikator – aber niemals die ganze Geschichte. Ein niedriges KGV kann ein Schnäppchen sein oder eine Wertfalle. Ein hohes KGV kann eine Blase signalisieren oder berechtigtes Vertrauen in die Zukunft.
Nutze das KGV als Screening-Tool, um interessante Aktien zu identifizieren. Kombiniere es dann mit qualitativen Faktoren: Geschäftsmodell, Wettbewerbsposition, Management, Wachstumstrends und anderen Kennzahlen. Erst das Gesamtbild ergibt eine fundierte Investmententscheidung.
Das KGV zeigt dir, was der Markt bereit ist zu zahlen – nicht, was ein Unternehmen objektiv wert ist.
Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Jede Investmententscheidung erfolgt auf eigenes Risiko.
