Technische Analyse

Charttechnik – Worum geht es überhaupt?

Historische Verläufe von Finanzinstrumenten und Wirtschaftsdaten (Aktien, Optionen, Futures, Indizes, Devisen, Zinsen, Arbeitsmarktdaten, Inflationsraten usw.) lassen sich graphisch darstellen. Dazu können, abhängig von der zur Verfügung stehenden Software und den erfassten Daten, verschiedene Zeithorizonte (intraday, daily, weekly usw.) und verschiedene Darstellungsarten (Linienchart, Balkenchart, Candlestick-Chart, Point & Figure-Chart u.a.) gewählt werden.

Trendlinien & Trendkanäle

Sinn der Chart-Darstellung ist es, aus den historischen Verläufen Anhaltspunkte für die Wahrscheinlichkeit der nächsten Bewegung(en) zu erhalten. Durch Verbinden der signifikanten Tiefs(Hochs) in einer Aufwärts(Abwärts)bewegung mittels einer geraden Linie erhalten wir Trendlinien. Über- bzw. unterschreitet der Kursverlauf diese Linie, sehen Charttechniker einen „Trendlinienbruch“ mit der Wahrscheinlichkeit einer weiteren Bewegung in die gerade angenommene Richtung. Tut der Kurs das nicht und kehrt über die Trendlinie wieder in den ursprünglichen Trend zurück, spricht man von „Bullenfalle“ bzw. von „Bärenfalle“.

Trendkanäle erhält man durch Zeichnen einer Parallelen zur Trendlinie, die bei Aufwärtsbewegungen die signifikanten Hochs, bei Abwärtsbewegungen die signifikanten Tiefs miteinander verbindet. Oftmals kann beobachtet werden, dass sich ein Kursverlauf innerhalb solcher Trendkanäle bewegt.

Was sagt diese Wellenbewegung aus? Es ist wichtig, die Marktbewegungen, die sich hinter den Chart-„Bildchen“ versteckt, im Prinzip zu verstehen. Nehmen wir eine Aufwärts-Wellenbewegung in einem Trendkanal: Zuerst herrscht Kaufdruck. Viele Marktteilnehmer schätzen z.B. den Kurs einer Aktie momentan als günstig ein, vielleicht infolge unerwartet guter Gewinnmeldungen für ein Quartal. Sie treten als Käufer auf. Diejenigen, die die Aktie gerade besitzen, wollen die Aktie zu dem aktuellen Preis nicht verkaufen, da sie natürlich auch von der Unternehmensmeldung gehört haben. Er herrscht also eine größere Nachfrage an Aktien als das aktuelle Angebot hergibt. Potentielle Käufer, die nicht mit Aktien bedient werden können, bieten einen höheren Preis, um Verkäufer zu locken. Tatsächlich finden sich Verkäufer, die bereit sind, Aktien zu diesem höheren Preis abzugeben (aus den unterschiedlichsten Motivationen wie Gewinnmitnahmen, Umschichtungen etc.). Der gehandelte Kurs steigt. Noch immer sind aber weit mehr willige Käufer im Markt als willige Verkäufer zum neuen aktuellen Preis. Einige Käufer bieten wieder einen höheren Preis für die Aktie, worauf sich wieder einige Verkäufer finden. Der Kurs steigt weiter. Durch die Aufwärtsbewegung des Kurses werden weitere potentielle Käufer auf die Aktie aufmerksam, der Kaufdruck steigt und führt nach genanntem Prinzip zu immer höheren Kursen. Irgendwann dreht das Sentiment, d.h. der immer weiter steigende Kurs wird von immer mehr Verkäufern als attraktiv bewertet und von immer weniger Käufer als gute Einstiegsgelegenheit angesehen. Angebot und Nachfrage halten sich irgendwann die Waage, der Kurs stagniert. Die Käufer, die zuerst gekauft haben, sind zum Teil vielleicht kurzfristig orientierte Trader, die einen schönen Kursanstieg sehen und sich nun auf die Verkäufer-Seite schlagen. Das Verhältnis Angebot zu Nachfrage kippt und es gibt auf einmal zum aktuellen Kurs mehr willige Verkäufer im Markt als Käufer. Die ersten Verkäufer können nicht mehr mit Geld für ihre Aktien bedient werden und senken ihren Preis, bis sich wieder willige Käufer finden. Der Kurs fällt. Aus Angst, dass der Kurs noch weiter fallen wird, möchten immer mehr Verkäufer noch „zu einem guten Preis“ ihre Buchgewinne realisieren. Die Anzahl der Verkäufer steigt. Käufer, die beim zwischenzeitlichen Höchstkurs gekauft haben, bekommen Angst, dass sie weiter in die Verlustzone geraten und realisieren ihre Stop Loss Order. Die Anzahl der Verkäufer steigt. Jetzt gibt es weit mehr Verkäufer im Markt als Käufer und die ersteren bieten ihre Aktien zu immer tieferen Preisen an. Nach und nach zeigen sich immer mehr willige Käufer, da der Kurs für diese ja attraktiver wird. Das Verhältnis Käufer zu Verkäufer gleicht sich wieder aus und kehrt sich schließlich wieder um.

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Daytrader

Daytrader als „Wellenreiter“

Das auf der Seite „Trendlinien und Trendkanäle“ beschriebene Marktprinzip gilt sowohl für das Trading im Allgemeinen als auch für das Daytrading. Die genannten Umkehrpunkte befinden sich oft dort, wo der Kurs auf die Trendlinie oder seine Parallele stößt. Letztlich kann diese Wellenbewegung aufwärts, abwärts oder seitwärts gerichtet sein. Dementsprechend erhalten wir bei der Chartanalyse einen aufwärtsgerichteten, abwärtsgerichteten oder seitwärtsgerichteten Trendkanal. Daytrader versuchen diese „historische Wahrscheinlichkeit“ für sich zu nutzen „Wellenreiten“ von Daytradern bedeuten, dass sie versuchen, bei den zwischenzeitlichen Tiefs im Trendkanal zu kaufen und bei den zwischenzeitlichen Hochs zu verkaufen (bei Aufwärtsbewegung).

Das geschilderte Marktprinzip verdeutlicht, dass es von großem Nutzen ist, darüber Bescheid zu wissen, wo und mit welcher Kraft sich die Käufer/Verkäufer im Markt befinden.

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Chartanalyse

Charts sind nicht die ganze Wahrheit

Bei jeder technischen Chartanalyse sollte man die zugrunde liegenden Marktgeschehnisse verstehen. Diese Einstellung gegenüber der Chartanalyse hat wichtige Vorteile: Man erkennt ihre Grenzen. Charttechnische Puristen laufen immer Gefahr, kostspieligen Fehleinschätzungen zu unterliegen. Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Die bedeutendsten Handelssignale ergeben sich bei:

  • Trendlinienbruch
  • Doppel-Bottom (W-Formation)
  • Doppel-Top (M-Formation)
  • Ausbrüche aus seitwärts gerichteten Trendkanälen
  • Kurslücken (gaps)
  • Umkehr im Trendkanal

Schulter-Kopf-Schulter-Formationen, Wimpel und Flaggen kommen seltener vor. Besonders starke charttechnische Signale für das Daytrading erhält man, wenn verschiedene Signale kombiniert werden. Ein sehr starkes Signal ist ein Trendlinienbruch nach einem Doppel-Bottom oder Doppel-Top. Geschieht der Bruch unter ansteigendem Volumen, also mit einem dynamischen Moment, kann hier immer ein Scalp plaziert werden, der unter Umständen auch in einen starken Daytrade umgewandelt werden kann. Nur soviel: Das Prinzip ist immer an der Kombination verschiedener Elemente ausgerichtet, wovon die Charttechnik nur eines ist.

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Candlestick Charts

Eine weiße Kerze kennzeichnet einen steigenden Kurs in der dargestellten Periode. Der Kurs eröffnet an der unteren Körperbegrenzung, läuft dann innerhalb der Periode zwischen den Spitzen der Schatten hin- und her und schließt an der oberen Körperbegrenzung.

Die schwarze Kerze steht für fallende Kurse; hier eröffnet der Kurs am oberen Kerzenrand und schließt an der unteren Kerzenbegrenzung. Schatten kennzeichnen gegebenenfalls die Kursspitzen, die außerhalb der Spanne zwischen Eröffnungs- und Schlusskurs festgestellt wurden.

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Indikatoren

Indikatoren sind, „Anzeiger“, „Hinweisgeber“. Man benutzt sie bei der Analyse, um Handelssignale zu erkennen oder zu bestätigen. Indikatoren werden nach einem jeweils definierten mathematischen Algorithmus, der sich auf bestimmte Basisdaten bezieht (z.B. historische Schlusskurse einer Aktie), zumeist als Linie oder Histogramm dargestellt. Bestimmte Parameter, wie zurückliegende Perioden, die erfasst werden sollen, sind individuell definierbar. Die Anzahl der Indikatoren geht in den dreistelligen Bereich. Die gebräuchlichsten Indikatoren sind folgende:

  • Gleitende Durchschnitte (Moving Averages)
  • RSI, der Relative-Stärke-Index (Wilder)
  • Momentum
  • Stochastik
  • ADX (Average Directional Movement Index)
  • MACD (Moving Average Convergence Divergence)

Die Gleitenden Durchschnitte zeigen den Durchschnittswert der letzten X-Daten (hier kann die Bedeutung der Daten auch noch gewichtet werden). Eine Reihe von Handelssystemen basiert auf der Kreuzung von Gleitenden Durchschnitten mit verschiedenen Perioden untereinander oder mit dem Kurs.

Der RSI berechnet die relative Stärke der Bewegung und zeigt überkaufte bzw. überverkaufte Bereiche an. Divergenzen und extreme Werte können eine Trendumkehr anzeigen. Das Momentum zeigt ebenfalls eine relative Veränderung der Bewegung an. Auch zeigen Konvergenzen Trendbestätigungen und Divergenzen mögliche Trendumkehrungen an.

Die Stochastik zeigt überkaufte und überverkaufte Situationen an, funktioniert aber nicht in stark trendenden Märkten. Er wird zum Beispiel eingesetzt für das „Wellenreiten“ in einem seitwärts gerichteten Trendkanal.

Der ADX wird zur Bestimmung der Trendstärke eingesetzt. Je höher sein Wert, um so ausgeprägter ist der aktuelle Trend. Ein Handelssystem kann mit dem ADX als Filter die Gewichtung von einzelnen Indikatoren verändern. Z.B ADX > 20 führt dazu, dass Signale von gleitenden Durchschnitten übergewichtet und Stochastik-Signale untergewichtet werden vice versa.

Bei der Anwendung der Indikatoren ist wie bei der Charttechnik zu beachten, dass sie nur in Kombination mit anderen Variablen gesehen werden dürfen. Vor allem ist auch hier wieder das Umsatzvolumen zu nennen. Immer wieder kommt es zu Übertreibungen und Untertreibungen im Marktgeschehen. Um diese zu identifizieren, sind solche Indikatoren hilfreich, die eine überkaufte bzw. überverkaufte Situation signalisieren. Als Faustregel gilt: Werden die identifizierten Marktsituationen durch steigendes Umsatzvolumen begleitet, verstärkt dies das Signal.

Die Bedeutung von Charttechnik und Indikatoren wird dadurch bestärkt, dass sie das Element einer „self-fullfilling-prophecy“, einer „selbsterfüllenden Prognose“ in sich tragen. Viele Marktteilnehmer, ob Profis oder Kleinanleger, verfolgen die Charts und die Indikatoren. Besonders bei der Charttechnik ist der gemeinsame Nenner, sprich die gemeinsame Betrachtungsweise, oftmals groß (bei den Indikatoren weniger, da hier die Setzung der Parameter noch individueller ist). Dies führt zu Marktbewegungen, die von fundamentalen Überlegungen abgekoppelt sind: Es wird gekauft oder verkauft, weil ein technisches Signal (z.B. Trendlinienbruch) eingetreten ist. So kommen Trader, welche die Charttechnik ignorieren, ganz schnell „unter die Räder“, weil die anderen Marktteilnehmer sich nicht an den von ihnen gefundenen fundamentalen Erkenntnissen ausrichten: eine katastrophale Entwicklung. Den charttechnischen Puristen geht es aber kaum anders, da sie ebenfalls die Gesamtheit des Marktes ignorieren. Der Mittelweg ist, wie so oft, auch hier die beste Lösung. Aber diesen persönlichen Weg herauszubilden braucht Geduld, Zeit und Einsicht.

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